Ich bin 35. Schon! In meinem Alter beginnt es, dass man nicht mehr gerne sein Alter verrät -die 4 vorne ist schließlich schon in Sichtweite. Außerdem war es doch erst gestern, als ich 15 war und die Entscheidung traf, an einem Schüleraustauschprogramm in die USA teilzunehmen… oder?!? Ich kann es kaum glauben, dass so viel Zeit vergangen ist, denn die Erinnerungen sind noch sehr präsent – so oft denke ich noch an die Erfahrungen, die ich damals machte.
Gerade weil diese Zeit mich so nachhaltig und positiv beeinflusst hat, möchte ich euch die Teilnahme an einem Schüleraustauschprogramm empfehlen und ich möchte jedem, der noch zweifelt, hiermit auf die digitale Schulter klopfen und sagen: Es wird schon. Für (fast) jedes Problem gibt es eine Lösung, zu (fast) jeder Sorge eine Antwort. Und manchmal heißt es einfach: Augen zu und durch. Und auch dann wird es gut.
Gute Erfahrungen wie Sand am Meer
Aber warum eigentlich wird es gut – inwiefern hat der Austausch etwas Positives in meinem Leben hinterlassen? Ich denke vor allem an die sprachlichen Fortschritte, die ich machte. Während ich im August 2000 mit holprigen Englischkenntnissen nach Arkansas gefahren war, fuhr ich im Februar nach Hause und konnte fließend Englisch sprechen. Meine Freunde in der High School bestätigten mir sogar, dass ich ganz unbewusst mit Südstaatenakzent sprach. Das flüssige Sprechen ist geblieben, der Akzent leider nicht.
So viel zur Sprache, aber was ist mit dem Rest des Lebens? Als Gastschüler wird man schnell in den Alltag der Schule integriert, kann in den Pausen mit den anderen die Fast Food-Läden der Umgebung unsicher machen, findet neue Freunde, von denen einige bis heute geblieben sind.
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Wichtiger aber ist heute für mich, dass ich so sehr Teil einer fremden Kultur geworden bin, dass ich mich in ihr zu Hause gefühlt habe und sie daher heute besser verstehe als viele meiner Bekannten in Deutschland. Als Barack Obama zum Präsidenten gewählt wurde, wusste ich, wie bedeutsam dieser Schritt für die USA war, weil ich mit eigenen Augen gesehen hatte, welch große Bedeutung Hautfarbe und Herkunft in einigen Regionen der USA noch haben. Täglich sind die USA in den Nachrichten – das Land ist für mich dabei kein Unbekannter mehr.
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Von fremden Familien und anderen lösbaren Schwierigkeiten
Ich möchte euch nicht verschweigen, dass es zeitweise auch schwer war. Dass ich Leute kenne, die das Ganze am liebsten abgebrochen hätten oder die Gastfamilie gewechselt haben. Zum ersten Mal für eine so lange Zeit nicht zu Hause zu sein, ist schwer. Schwer ist auch, die Regeln einer fremden Familie zu befolgen, die man selbst vielleicht nicht mag, sich den Traditionen einer fremden Familie anzunähern, obwohl man es selbst am liebsten ganz anders machen würde – zum Beispiel, sich damit zu arrangieren, zweimal die Woche zur Kirche zu gehen, obwohl man in Deutschland kein einziges Mal geht. Schwer ist auch, Einstellungen zu akzeptieren, die nicht den eigenen entsprechen und zu akzeptieren, dass Diskussionen darüber nicht immer erwünscht sind.
Fazit
Wann ihr keine Gastschüler werden solltet: Wenn euch diese Herausforderungen von vornherein viel zu kompliziert erscheinen und ihr eigentlich gar keine Lust habt, euch einem fremden Land und seinen Menschen zu öffnen.
Wenn ihr aber Lust habt, ab und zu mal über euren eigenen Schatten zu springen wird euch diese besondere Zeit vorkommen wie die größte Sache der Welt. Und ihr werdet am Ende mächtig stolz sein, so mutig gewesen zu sein. Ihr werdet sehr viel reifer zurückkommen und ihr werdet eine Tür in eurem Leben geöffnet haben, die von da an nie wieder zuschlagen wird – so viel kann ich euch versprechen.
Autorin: Hanna Hommes
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